Die
Geschichte des Höheren Schulwesens in Bedburg
Das höhere Schulwesen in Bedburg blickt
heute auf eine fast 400-jährige Tradition zurück, die
weit vor der Gründung der Rheinischen Ritterakademie ihren
Anfang nahm.
1. Das Augustiner-Gymnasium (1623 -
1805)
Bereits
im 17. Jahrhundert war der Wunsch nach einer guten Ausbildung in
der Schlossstadt so ausgeprägt, dass Bedburger Familien beschlossen,
eine Schule zu gründen. Man wandte sich an den Augustinerkonvent,
der bereits seit 1284 in Bedburg ansässig war, um die Patres
als Lehrer zu gewinnen. Das war eine logische Entscheidung, waren
doch Klöster in jener Zeit Orte und Träger von Bildung.
Die Augustiner waren bereit dem Wunsch der Bevölkerung nachzukommen
und zu unterrichten, so dass im Jahre 1623 gleichzeitig eine "lateinisch
und teutsche Schull" gegründet wurde.
Die deutsche Schule vermittelte den Söhnen der unteren Bürgerschichten
Grundkenntnisse in Religionslehre, Lesen und Schreiben, in der Muttersprache
sowie im Rechnen.
Dagegen bereitete die Lateinschule die Söhne des gehobenen
Bürgertums und Adels auf das Universitätsstudium vor.
Dass man beide Schulformen in jener Zeit zu einer Schule vereinigte,
erklärt sich möglicherweise aus der geringen Schülerzahl,
lebten doch damals in Bedburg wahrscheinlich nicht mehr als 1.500
Menschen.
Diese erste Schule existierte nur für kurze Zeit, weil der
Stadtherr, Graf Werner von Salm, Vorbehalte äußerte.
Doch nach dessen Tod war sein Nachfolger, Graf Friedrich Wilhelm
von Salm, mit der Wiedererrichtung der Schule einverstanden. So
wurde 1698 erneut eine höhere Schule, getragen von den Augustinern
unter Leitung ihres Priors Adolphus Rohe, eröffnet. Zu Anfang
umfasste die Schule nur die ersten drei der damals üblichen
fünf Klassen, in denen 35 Schüler unterrichtet wurden.
Der Unterricht wurde nicht in den Räumen des Klosters, sondern
wahrscheinlich im benachbarten Gemeindehaus erteilt.
Die Kosten für den Unterhalt der Schule mussten von den Eltern
getragen werden. Das Schulgeld belief sich auf 3 Reichsthaler, was
im Vergleich zur bereits bestehenden Höheren Schule in Kaster
recht günstig war. Das dürfte ein Grund dafür gewesen
sein, dass im Laufe der Jahre auch Zöglinge aus dem Kasterer
Raum nach Bedburg wechselten, d.h. aus dem größten Amt
im Herzogtum Jülich in die große Unterherrschaft des
Erzbistums Köln. Im Ergebnis führte dies dazu, dass die
Kasterer Schule aufgelöst werden musste.
Neben dem Schulgeld finanzierten die Eltern im Winter anteilig die
Heizkosten für den Schulsaal und die Kerzen, mit denen das
Klassenzimmer beleuchtet wurde. Ein weiterer Kostenfaktor war der
Gymnasialmantel, eine Art Unform, die nicht nur innerhalb der Schule,
sondern auch in der Öffentlichkeit getragen werden musste.
Lange Zeit wurde in den ersten beiden Klassen nur in den Fächern
Religion und Latein unterrichtet. Latein war bis weit in die Neuzeit
die Sprache der Gebildeten und Gelehrten. Jedes Gespräch zwischen
Schülern und Lehrern wurde auf Lateinisch geführt. Nicht
einmal beim Spiel auf dem Schulhof durften sich die Zöglinge
in ihrer Muttersprache unterhalten. In den drei oberen Klassen wurde
der Fächerkanon nur um das Fach Griechisch erweitert - eine
insgesamt recht einseitige Ausbildung. Erst nach 1770 wurden am
Bedburger Pädagogium neue Fächer eingeführt: Geschichte,
Arithmetik, Geographie und Deutsch. Leiter der Schule und Vorgesetzter
der Professoren war der Pater Präfekt.
Die große Zahl der Ge- und Verbote weist aus, dass die Lehrer
anscheinend bereits vor mehr als 200 Jahren erhebliche Probleme
mit der Leistungsbereitschaft und Disziplin der Schüler hatten.
So war beispielsweise öffentliches Baden unter Strafe gestellt.
Das Mitbringen von Messern, Schwertern und Flinten war strikt untersagt.
Darüber hinaus war der Besuch von Wirtshäusern verboten.
Seit 1787 wurde sogar der Unterrichtsschluss am Schuljahresende
um 14 Tage vorverlegt, um die alljährlichen "Ausschreitungen
der Gymnasiasten an den Kirmestagen" zu unterbinden.
Den Höhepunkt eines jeden Schuljahres bildete die Abschlussfeier.
Im Zentrum dieser Feier stand ein Schauspiel, das von einem Lehrer
verfasst und von Schülern dargeboten wurde. Solche Aufführungen
sind für den Zeitraum von 1698 bis 1773 nachgewiesen. Sie waren
jeweils einem Förderer und Gönner der Schule gewidmet,
besonders häufig den Grafen von Salm-Reifferscheidt.
Nach der Besetzung des Rheinlandes durch die französischen
Revolutionstruppen führte deren Kirchenfeindlichkeit im Jahre
1802 zur Auflösung des Augustinerordens in Bedburg. Zwar hielt
ein Pater den Unterrichtsbetrieb vorübergehend noch aufrecht,
doch nachdem die Zahl der Schüler im Jahre 1805 auf fünf
absank, war die Existenzgrundlage nicht mehr gegeben. Das Augustiner-Gymnasium
musste schließen.
2.
Die Rheinische Ritterakademie (1842 - 1938)
Im Jahre 1835 wurde bei einer Zusammenkunft der Genossenschaft des
rheinischen Adels "auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht,
zu positiven den Adel speciell charakterisierender Einrichtungen
zu schreiten und in dieser Hinsicht die Errichtung einer adeligen
Erziehungsanstalt als besonders zweckmäßig hervorzuheben".
Dieser Vorschlag kam von Freiherr Mirbach zu Harff, ein Indiz dafür,
warum man sich am 20. Mai 1839 für das Bedburger Schloss als
Gebäude für die Schule des rheinischen Adels entschied.
Von den Franzosen war das Schloss als Wohnsitz für Kriegsveteranen
genutzt worden. Nach deren Abzug diente es einige Jahre als Lazarett
für Augenkranke der Strafanstalt Brauweiler, verfiel dann aber
zusehends. Diese "Ruine" erwarb der Ritteradel 1839 mit
all seinen Liegenschaften von der preußischen Regierung, die
diese alte und historisch bedeutsame Stätte versteigerte. Nach
umfangreichen Umbauten wurde das Schloss am 1. Mai 1842 als Rheinische
Ritterakademie vom Ritterhauptmann und Oberdirektor Graf von Mirbach
mit 15 Zöglingen eröffnet.
Die
Akademie war eine höhere Schule, die zum Abitur führte
- damals im Kreis Bergheim die einzige. War sie anfangs nur eine
Bildungsstätte für Söhne der Genossenschaft angehörigen
Familien, wurden schon bald Söhne des inländischen und
ausländischen Adels aufgenommen. Ab 1850 war die Schule auch
bürgerlich-katholischen Internatsschülern zugänglich.
Unterrichtet wurde in den Fächern Deutsch, Latein, Griechisch,
Französisch, Religion, Geographie, Geschichte, Mathematik,
Naturlehre, Propädeutik zur Philosophie, Kalligraphie, Zeichnen
und Gesang. "Der körperlichen Ausbildung der Zöglinge
wird durch Unterricht im Reiten, Schwimmen in der Erft, Tanzen,
Fechten und in den gymnastischen Übungen besondere Sorgfalt
zugewendet werden.
Zwischen 1847 und 1853 wurde an das Schloss ein Nordwestflügel
mit vier Geschossen angebaut. Dieser Bau enthielt Schlafräume
der Schüler. Am äußeren Ende des Anbaus weihte man
1855 die von Kirchenbaumeister Vinzenz Statz erbaute einschiffige
Kapelle im neugotischen Stil ein.
Im Jahre 1846 war die Zahl der Zöglinge (Internatsschüler)
auf 46 angestiegen, Zwischen 1843 und 1867 bestanden insgesamt 77
Schüler an der Ritterakademie das Abitur.
Infolge der revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 erschien
1849 in Köln ein polemisches Flugblatt, das die Akademie als
elitäre Standesschule diskreditieren wollte:
"In Bedburg, etwa 6 bis 7 Stunden von hier, ist eine Ritter-Akademie.
Eine hohe Schule, wo nur Kinder von den Eltern, die entweder Herr
von, Graf von oder Fürst sind, nichts anderes als wie lauter
solcher junger Herren erzogen und gebildet werden.
Wenn der Herr von oder Graf von noch halb im Ei sitzt, so bringt
man ihn schon aus aller Welten her nach Bedburg aufs Schloss, damit
der Junge behandelt wird wie - ach leider! - die Kinder der Arbeiter.
Auf diesem Schlosse befinden sich etwa 10 Professoren, mehrere Frauenzimmer
und etwa 60 bis 70 Söhne von Junkern, Grafen und Fürsten,
die mehrere junge Leute [Kinder der Arbeiter, Anm. d. Red.] tagtäglich
um sich haben; sie müssen den Jungen die Stiefel putzen, ihnen
die Kleider ausklopfen, ja sogar ihnen das Nachtgeschirre fegen.
(...) Lasst uns nicht wundern, dass diese Jungen ihre Pferde lieber
haben als ihre Dienstleute. Wem können wir die Schuld aufmessen?
Nur Euch, Professoren der Ritterakademie."
Besuchten 1847 insgesamt 45 Schüler die Schule, waren es 1871
bereits 50. Ein Jahr später stieg die Zahl auf 73, und 1873
waren es schon 102. Nun war ein neunjähriger Studiengang von
Sexta bis Oberprima erreicht. In der Quarta wurden jetzt drei Fremdsprachen
als Pflichtfächer erteilt: Latein, Griechisch und Französisch.
Vom Schuljahr 1885 an überwog die Zahl der Externen die der
Internatsschüler. Sie wohnten in der Regel in Bürgerhäusern
der Stadt zur Miete. Nun kamen auch mehr Söhne aus Bedburger
Familien in die Schule. Die Ritterakademie hatte sich aus einer
anfänglichen kleinen Standesschule zu einem bedeutenden Gymnasium
des ganzen mittleren Erftlan-des entwickelt.
Unter
den vielen Professoren, die an der Ritterakademie wirkten, sind
zwei hervorzuheben. Der erste ist Philipp Krementz, 1885 durch Papst
Leo XIII. zum Erzbischof, 1893 zum Kardinal von Köln ernannt.
Zu seinen herausragenden Leistungen gehört der Bau des Theologiekonvikt
Albertinum in Bonn, des Kölner Priesterseminars, die Wiedereröffnung
der Knabenkonvikte in Neuß und Münstereifel.
Der zweite überregional bekannte ehemalige Professor war Heinrich
Bone. 1842 wurde er an die gerade eröffnete Rheinische Ritterakademie
nach Bedburg berufen, wo er Latein, Griechisch, Deutsch und Propädeutik
unterrichtete. Der Verfasser von vielen Liedtexten, die heute noch
in großer Zahl im "Gotteslob" stehen, wurde während
des Kulturkampfes vom Dienst suspendiert. Bone, der 1893 starb,
hat das kulturelle Leben des 19. Jahrhunderts wesentlich beeinflusst
und mitgeprägt. Zu seinem Bekannten- und Freundeskreis gehörten
Kardinal Diepenbrock von Breslau, die Kölner Kardinäle
Geißel und Krementz wie auch Bischof Ketteler. Nicht nur zu
Geistlichen hatte er intensive Kontakte. Er verkehrte u.a. mit dem
Maler Overbeck und dem Komponisten Mendelssohn. Carl Schurz, der
amerikanische Freiheitskämpfer der 1848-er Jahre aus Liblar,
war sein Schüler am Kölner Marzellengymnasium. 1888 besuchte
er noch einmal seinen alten Lehrer und ehrte ihn.
Nach dem ersten Weltkrieg verlor der Adel das Recht auf Vererbung
des Nachlasses seiner Mitglieder. Die Braunkohlegewerkschaft Neurath
übernahm das Schloss mit 100 Morgen Land für vier Millionen
Mark und überließ den Bau der Stadt Bedburg als Gymnasium,
dessen Bezeichnung ab 1929 "Städtisches Realgymnasium
Bedburg" lautete. Durch geschickte Verhandlungen mit den Behörden
in Berlin und dank großer finanzieller Opfer erreichte die
Stadt, dass die Bildungsstätte erhalten blieb.
Unter den Nationalsozialisten wurde der Schule ein schwerer Schlag
versetzt: Am 1.4.1939 wurde gegen den Willen der Schule, der Stadt
und der gesamten Bevölkerung die traditionsreiche höhere
Schule in die Kreisstadt Bergheim verlegt. Man überließ
Bedburg nur eine 5-klassige Zubringerschule.
3.
Vom Progymnasium zum Silverberg-Gymnasium
Nach den Schrecken des Krieges strebte die Stadt Bedburg ab 1945
mit eisernem Willen den Wiederaufbau an, nicht zuletzt auch auf
dem Gebiet des Schulwesens. Doch zu-nächst musste man stark
improvisieren. Die Schule, die sich jetzt Progymnasium nannte, war
im Anbau des Schlosses untergebracht. Zu den fünf Klassen der
Zubringerschule kam jetzt eine sechste hinzu, so dass man in Bedburg
die "Mittlere Reife" erlangen konnte. Wer jedoch das Abitur
erreichen wollte, musste die Oberstufe entweder in Bergheim oder
Grevenbroich besuchen.
Anfangs war es sehr schwierig, die nötigen Lehrer für
einen geregelten Unterrichtsablauf zu bekommen. Entscheidend für
die Beseitigung des Mangels war die Zuweisung von Fachlehrern, die
als Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen nach Westdeutschland
gekommen waren und sich bei der Schulbehörde für einen
Dienst gemeldet hatten.
In den 50-er Jahren genügte das Schloss nicht mehr den Anforderungen
an eine moderne Schule. Deshalb wurde 1957 im Westen der Stadt der
Grundstein für einen Neubau des Gymnasiums gelegt. Ein Jahr
später wurde der Bau an der Eichendorffstraße einschließlich
einer Turnhalle mit Übungsstätten für den Außensport
eingeweiht. Direktor Müller erkannte damals, dass die Zeit
nicht mehr fern sein würde, "(...) wo die Vollanstalt
durch Aufstockung der Oberstufe neu begründet und der volle
Anschluss an die Überlieferung wieder gefunden ist."
Im Schuljahr 1966 wurde wieder eine Obersekunda eingerichtet; schließlich
fand am 5. Juni 1968 unter Vorsitz des Düsseldorfer Dezernenten
das erste Abitur statt - am Städtischen Gymnasium Bedburg.
Acht Schülerinnen und sechs Schüler erhielten das "Reifzeugnis"
- genau 30 Jahre nach dem letzten in der Schlossstadt.
Die Oberstufenreform von 1973 veränderte die bisherigen Bildungs-
und Erziehungsziele der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe
II tiefgreifend. In jener Zeit begann auch eine Kooperation mit
dem Bergheimer Gutenberg-Gymnasium, um für beide Schulen ein
möglichst großes Kursangebot in der differenzierten Oberstufe
zu erreichen.
Die Anforderungen an eine moderne Schule und die wachsenden Schülerzahlen
führten immer wieder dazu, dass neuer Raum geschaffen werden
musste. Bereits in der sechziger Jahren wurde ein zweistöckiger
Zusatzbau mit Gymnastikhalle und Werkraum im Keller errichtet. Das
Gebäude der ehemaligen evangelischen Volksschule wurde angegliedert
- es dient heute als Oberstufengebäude - schließlich
kam ein Verwaltungs- und Naturwissenschaftstrakt mit moderner Aula
hinzu.
Städtisches Gymnasium Bedburg - diese fast bürokratische
Bezeichnung war Grund dafür, dass im Laufe der Zeit, verstärkt
seit etwa 1990 der Wunsch aufkam, für die Schule einen Namen
mit einem hohen Maß an Identifikation zu finden. Eine Reihe
von Ideen seitens des Lehrerkollegiums und der Elternschaft wurde
entwickelt, doch erst der Vorschlag des Bedburger Geschichtsvereins
führte zum Erfolg.
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Am
5. Dezember 1996 beantragte der Verein, den Schulnamen in "Silverberg-Gymnasium"
umzuwandeln. Dieses Anliegen ergab sich aus der Sicht des Vereins
zwangsläufig, denn wenn man die Entwicklung Bedburgs erforscht,
stößt man unweigerlich auf die jüdische Familie
Silverberg. Ziel des Antrags war es, die überragende wirtschaftliche
und soziale Bedeutung der Familie, insbesondere von Adolf und Paul,
für Bedburg und die gesamte Region und darüber hinaus
zu würdigen. Doch auch das Schicksal von Elsbeth und Anna Silverberg
sowie ihres Sohnes Paul Ludwig sollte exemplarischfür das Leid
und die Pein von Menschen in Diktaturen überall auf der Erde
einfließen.
Die Diskussion in den verschiedenen Gremien war intensiv, teils
kontrovers. Schließlich entschied der Stadtrat auf Empfehlung
der Schulkonferenz am 31. August 1998 einstimmig, dem Antrag des
Geschichtsvereins zu folgen. Im Jahre 2000 fand die offizielle Feier
anlässlich der Namensgebung statt. Ein Schild vor der Schule
weist auf den neuen Namen hin.